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Giovanni Bellini (1426 - 1516)

Junge Frau bei der Toilette

Um 1515

Holz, 62 x 79 cm

Wien, Kunsthistorisches Museum

 

Mit diesem späten Meisterwerk krönte der greise, fast neunzigjährige Künstler seine lange Karriere. Bis zum Ende seiner Malerlaufbahn beobachtete er wach das zeitgenössische Kunstgeschehen und schuf hier in dieser Aktdarstellung seine Antwort auf die neuen Tendenzen in der venezianischen Malerei, wie sie durch Giorgione und Tizian verkörpert wurden.

Die malerische Umsetzung des nackten weiblichen Körpers weist auf einen neu erwachten Blick Bellinis für das Sinnliche hin; die Weichheit der Körperformen kommen vollendet zur Geltung und der lebensvoll beseelte Blick der jungen Frau in den Spiegel rundet das Bild ab.

Die Frau, deren heller Leib sich von der schwarzen Rückwand abhebt, sitzt vielleicht auf einem Bett, das mit demselben rötlichen Tuch bedeckt ist, womit sie auch teilweise ihre Blössen verhüllt. Ihr bewundernder Blick in den Spiegel darf als Allegorie des Sehsinns interpretiert werden. Im Hintergrund öffnet sich auf der linken Seite ein Fenster mit einem Ausblick auf eine bräunlich-grüne Landschaft mit einem blau-gelben, wolkenverhangenen Abendhimmel.

Dieser Landschaftsausschnitt erinnert sehr stark an ähnliche Kompositionen bei Tizian. Als Vergleich möge dessen Noli me tangere von 1512 aus der National Gallery in London dienen.

Auffällig ist nicht nur die ähnliche Farbigkeit in der Natur, sondern auch das Blau des Himmels, das von gelben Streifen durchzogen wird. Giovanni Bellini hat sich hier offensichtlich an seinem jungen Kollegen orientiert, der 1517 sein Nachfolger als Staatsmaler in Venedig werden wird.